Jankel Adler und die Avantgarde (3)

Das Von der Heydt-Museum Wuppertal zeigt eine große Retrospektive

von Antje Birthälmer und Marion Meyer

Jankel Adler, Portrait des Moyshe Brodersohn, 1921 in Shvartz-shabes (Schwarzer Sabbat) von Moyshe Brodersohn

Jankel Adler und die Avantgarde
 
Chagall / Dix / Klee / Picasso
 
17. April – 12. August 2018


Mit Otto Dix verband Jankel Adler eine Freundschaft. Ihre beiden verschlüsselten Selbstporträts (Jankel Adlers „Artist“ und Otto Dix‘ „An die Schönheit“) zeugen von den unterschiedlichen Charakteren der beiden Künstler. Dix ist der Reporter am Puls der Zeit, Adler der melancholisch-verletzliche Artist, der mit traurigem Humor auf die Ambivalenz seiner Existenz anspielt.


Otto Dix, An die Schönheit, 1922 - © VG Bild-Kunst Bonn, 2018
 
Raum 8 versammelt ausschließlich Bilder von Jankel Adler und zeigt eindrucksvoll, wie sich Jankel Adler bis 1933 weiterentwickelt hatte. Die Formensprache wurde ruhiger, Strukturen wichtiger. Auch wenn er jüdischen Themen aufgreift (zum Beispiel „Bärtiger Rabbi“, um 1925), ist seine Komposition und Farbigkeit sehr modern. Abstrakte Elemente nehmen zu.

 
Jankel Adler, Bärtiger Rabbi, 1925 - © VG Bild-Kunst Bonn
 
Daß Jankel Adler Katzen liebte, sieht man in Raum 9. In vielen seiner Bilder hat er sie verewigt und dem Kater Peter, der zu seiner Familie gehörte, ein Denkmal gesetzt. Er betont in seinen Bildern die Eigenständigkeit der Vierbeiner, ihre Freiheitsliebe, ihr anarchisches und auch unberechenbares Wesen. Ein außergewöhnliches Werk in Adlers Schaffen stellt sein großformatiges Gemälde „Katzen“ (1927) dar. Es zeigt, wie ein Kater sich auf ein Weibchen stürzt. Die Szene ist in eine abstrahierte, surreal anmutende Landschaft eingebettet und verschmilzt farblich fast mit dem sand- bzw. ockerfarbigen Ton der Umgebung. Ein antik anmutendes Architekturelement im Hintergrund unterstreicht die Vorstellung des Archaischen (und erinnert an Giorgio de Chririco, Anm.d.Red.). Die Beimischung von Sand zur Farbe erzeugt eine ausgeprägt raue Struktur und eine freskoartige Wirkung der Bildoberfläche. Das Gemälde ist kennzeichnend für Jankel Adlers Entwicklung zu einer anti-illusionistischen Malerei, während er gleichzeitig doch am Figurativen festhält.

 
Jankel Adler, Katzen, 1927 - © VG Bild-Kunst Bonn
 
Raum 10 beleuchtet Jankel Adlers Freundschaft zu Paul Klee, mit dem er einen engen Austausch pflegte. 1931 wurde Paul Klee an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen, und Jankel Adler erhielt ein Atelier neben ihm an der Akademie. Wie Adler berichtet, habe sich Paul Klee schon lange für seine maltechnischen Experimente interessiert. Adler fand in Klees kosmisch-visionärer Sicht eine Entsprechung für sein mystisches Empfinden. 1942 veröffentlichte Adler seine Erinnerungen an die Gespräche mit Paul Klee in dem Magazin „Horizon“.


     Paul Klee, Mit dem violetten Fünfeck, 1919 - Foto © Frank Becker
 
In Raum 11, dem letzten, zweitgeteilten Raum der Ausstellung, geht es um Jankel Adlers Zeit im Exil und sein dort entstandenes Spätwerk. 1937 schloß Adler sich in Paris dem innovativen „Atelier 17“ des englischen Malers, Radierers und Graphikers Stanley William Hayter an bzw. arbeitete in dessen Druckwerkstatt mit. Da in Hayters Atelier in den 1930er Jahren auch Picasso verkehrte, dem Hayter assistierte, bestand für Adler die Gelegenheit, sich mit Picassos graphischem Werk auseinanderzusetzen bzw. vielleicht sogar Picasso persönlich zu begegnen. Unter dem Einfluß von Picasso, Hayter und Klee entwickelte Jankel Adler eine neue, abstraktere Bildsprache mit formalen Kontrasten, verschlungenen und zerrissenen Linien, Deformationen und Fragmentierungen. Der Ausdruck des Gefühls von Einsamkeit und Verlorenheit kommt vor allem in der intimen Sprache seiner Zeichnungen zum Ausdruck. Thematisch setzen sich alle drei Künstler, Adler, Hayter und Picasso, mit apokalyptischen Themen, Leid, Gewalt, Zerrissenheit und Verunsicherung auseinander.
 

Otto Freundlich, Komposition 1931 - Foto © Frank Becker

Der letzte Raum der Ausstellung präsentiert Jankel Adlers letzte Werke, die ab 1941 in Glasgow bzw. ab 1943 in London entstanden. Er war in einem ihm völlig fremden Land gestrandet und mußte ganz von vorne beginnen. Er stürzte sich in die Arbeit und fand die Kraft, sich selbst zu erneuern.  Er schöpfte aus seinen vielfältigen künstlerischen Erfahrungen; aus postkubistischen und surrealistischen Elementen bildete er eine individuelle Synthese. Eindrucksvolle Werke entstanden, in denen er sich auch mit der Gewalt des Krieges beschäftigte: Jankel Adlers Gemälde

Amadeo Modigliani, Mädchenkopf mit Pony, o.J.
Foto © Frank Becker
„Die Verstümmelten“ (1942-43) assoziiert eine apokalyptische Situation, ein Bild, das durch seine transparente Farbigkeit und einen fast heiteren Himmel überrascht und dessen surreale Ausdrucksgewalt man zwischen Dix, Picasso und Bacon angesiedelt sehen könnte.
Bilder von jungen britischen Künstlern wie Robert Colquhoun und Robert MacBryde verdeutlichen, welchen Einfluß Jankel Adler hatte. Ihre existenziell aufgefassten Figurenbilder weisen eine deutliche Annäherung an Adlers Stil auf. Somit hat Adler wesentlich zur Neuorientierung der jüngeren britischen Künstlergeneration beigetragen.
 
Die 48 Künstler der Ausstellung sind:  Jankel Adler - Nathan Altman - Alexander Archipenko - Gerd Arntz - Kenneth Armitage - Henoch Barczyñski - Rudolf Belling - lsssachar Ber Ryback - Gottfried Brockmann - Marc Chagall - Heinrich Campendonk - Robert Colquhoun - Heinrich Maria Davringhausen - Otto Dix - Eduard Dollerschell - Otto Freundlich - Stanley William Hayter - Josef Herman - Angelika Hoerle - Heinrich Hoerle - Alexej von Jawlensky - Wassily Kandinsky - Arthur Kaufmann - Stanislaw Kubicki - Paul Klee - Wilhelm Lehmbruck - August Macke - Franz Marc - Robert MacBryde - John Minton - Amadeo Modigliani - Kurt Nantke - Heinrich Nauen - Walter Ophey - Richard Paling - Otto Pankok - Pablo Picasso - Anton Räderscheidt - Christian Rohlfs - August Sander - Lasar Segall - Franz Wilhelm Seiwert - Chaim Soutine - Marek Szwarc - Georg Scholz - Gustav Wiethüchter - Gert Heinrich Wollheim - Ossip Zadkine
 
Redaktionelle Bearbeitung: Frank Becker